18. Juni 2009

Kaum hat man die winterlichen Regensachen entzwiebelt, scheint einem der
Lorenz unschuldig ins Gesicht, als wolle er für die letzten Wochen des
Junis und die Frechheit der letzten Regenwoche entschädigen.
Mit mir nicht mein Freund, ich bin da sehr wenig kompromissbereit!
Schon bei der Abreise begleitet uns steter Tropfen als der GL500 uns
auf den Asphalt bettet, um uns unserem Ziel näher zu bringen.
Eine nicht enden wollende Menschentraube begleitet uns am Nürburgring.
Die Anzahl der ernstzunehmenden „älteren“ Rock- bzw. Metalfreaks ist
erschreckend überschaubar in der tosenden Menge von komatösen
Säuferkids, die sich ihres Bierharndrangs zwischen Endlosdixieklos und Zeltlagern entledigen. Die uringeschwängerte Luft fusioniert mit dem Dauergrölen des
feiernden Mobs und ich werfe ein Stoßgebet zum Himmel, weil wir gottlob
nur einen livegig sehen werden und das nicht auf dem center stage und auch
nicht unmittelbar zwischen der feiernden Partymenge.

(James Hetfield & Michael Poulsen)
Der Auftritt der Dänen entschädigt uns für alle Strapazen und Michael
Poulsen (Leadsinger Volbeat) rockt die Bühne in einem meiner Lieblingsoutfits,
Hemd und Weste. Unter seinen hochgekrempelten Hemdärmeln blitzen einem
seine endcoolen Tattoos entgegen und die Gitarrenriffs hauen mich gnadenlos
um, während sie Radio Girl spielen. Die Dänen verheizen ihr Potential auf
diesem schnöden Festival, nicht einmal MTV strahlt Volbeat als Livegig aus,
einfach nur megaerbärmlich, wie gut dass es sweden Rock gibt oder Wacken.

Allen Anschein nach interessiert die komatösen Säuferkids sowieso nicht, wer
gerade auftritt, bzw. merken die eh nichts mehr. Nicht, dass es bei anderen Festivals
weniger alkoholisiert zugeht, aber zumindest hat man dort den Eindruck, dass
die Partymenge einen stilsicheren Musikgeschmack hat. Ok, ich hätte gern noch
Brian Molko und seine Mannen gesehen, oder evtl. noch Prodigy, aber es zog uns
weiter.

Die See empfängt uns mit offenen Armen und sogar die wasserlassenden Pforten
des Himmels haben ein Einsehen und schließen sich für ein Weilchen.
Unser wahnsinnig schönes und prätentiöses Domizil an der Küste liegt wie eine
Oase des Glücks im weichenden, nebulösen Morgendunst. Lapidar werden die
Köfferchen entpackt, wir werden magisch vom Strand und dem Meer angezogen.
In malerischer Idylle liegt die Ostsee vor uns, umrandet von hellstem Sandstrand
und bunt bestückten Strandkörben. Reflexhaft atmen wir durch und saugen die
salzhaltige Luft ein. Peu à peu fällt der Alltag von uns ab und wir erkunden zum
ersten Mal die neugewonnene Freiheit.

Auf der Promenade flanieren saisonal bedingt fast ausschl. junge Paare mit Kleinkindern im Gepäck oder Rentner. Die Preise, wie erwartet, in Strandnähe und fast jedem Pub oder Bistró gesalzen bis halsabschneiderisch. Das zahlungskräftige Publikum wirds kaum stören, Otto Normalo jedoch immens, but who cares? Das erste einladende Fischlokal vor Ort wäre für die Qypegemeinde das gefundene Fressen.
Wir lachen Tränen, als uns der Kellner die georderten Fischteller serviert.
Winzig kleine, kaum identifizierbare Fischfilets übersichtlich auf dem Teller platziert,
umrandet von einer konsistenzlosen Remoulade die ihresgleichen sucht.
Zur Krönung die fetttriefenden Bratkartöffelchen, die ich mir ohne meine Gallenblase
erst gar nicht zumute.
Da wir uns allerdings nicht zur Gattung fortwährender Qype-Nörgler und Anhängern
eines sinnbefreitem Bewertungsportal von Möchtegern-Currywurst-Gourmets zählen, zahlen wir den Wucherpreis mit einem Augenzwinkern und unter der Prämisse, der Laden sieht uns eh nicht mehr wieder, warum ihm auch noch den Gnadenstoß versetzen?

Schnell finden wir heraus, dass es die coolsten locations und authentischsten
Restaurants sowieso nur innerorts bzw. abgeschiedener gibt. Überrascht stellen
wir fest, dass es auch noch Lokale jenseits der Eurohemmschwelle gibt und auch
die Füllmenge des Tellers stimmen kann.
Sehr, sehr empfehlenswert: Gut Görtz, eine typische holsteinische Gutsanlage. Ihre Geschichte reicht bis ins Jahr
1263 zurück. Sie ist seit 1913 Familienbetrieb. Die alten Scheunen werden seit 20 Jahren touristisch genutzt,
um diese Gutsanlage zu erhalten. Wir jedenfalls waren total begeistert was uns dort geboten wurden.
(Herrenhaus 1868, privat nicht öffentlich zugänglich, hier werden die Kuchen zum Verkauf gebacken)
(Jungviehstall 1856, Scheunen Café, hier gibt es Kuchen nach alten Hausrezepten, Schmalzbrote
sowie Käse-, Schinken- und Wurstbrote, deftige Eintöpfe und Suppen, Verkauf von eigenen Produkten wie: Görtzer Vollkornbrot,
Produkte von der Biene, Eier und kalt gepresstes Rapsöl und Wildschweinleberwurst)
(Verkaufsraum des Scheunen Cafés)
(Dekoration im Scheunen Café)

Die offene Kaminstelle und der Geruch von leckerem, deftigem Eintopf lädt uns ein…
(hmmmmmm**)
(…wenn einem da nicht das Wasser im Munde zusammen läuft)
Zum Abschied noch der Eintrag ins Gästebuch

Große Kornscheune 1923 Deutsche und internationale Weine aus Bio-Anbau


Der Strand und der Regen werden unsere Wegbegleiter, wir erholen uns zunehmend
im Laufschritt, halten Tempo und erfreuen uns an der steifen Ostseebrise. Unsere
neu erworbene Lumix leistet uns treue Dienste. Jede dahergeflogene Möwe wird
gnadenlos niedergeknipst. Das Wetter bleibt unbeständig und mit Regenschirm
bewaffnet erkunden wir das naheliegende Umland.
Nach dem Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“

Auch wenn der Strand in unmittelbarer Nähe vor einem liegt, als könne er kein Wässerchen trüben

Vom Timmendorfer Strand geht es weiter nach Travemünde.
(Strandpromenade mit Blick auf Hotel „Maritim“ Travemünde)
An der Strandpromenade in Travemünde steuern wir direkt auf das Columbia Hotel Casino zu. Ich verheiße klugscheißerisch, dass „hier“ (deute auf die große Balustrade des Casinos) Viva Moderatorin Gülcan ihr Bäckermillionärsöhnchen Kamps geheiratet hat.
(Columbia Hotel Casino Travemünde)
Orkanartige Windböen verheißen nichts Gutes. Selbst der Transfer im Hafengebiet zur „Passat“, die wir besichtigen möchten, wird zur Schaukelpartie.
(Passat/Travemünde)
(Passat)
Wir belohnen uns anschließend in einem sehr schönen Fischlokal mit einer guten Flasche Viognier und fantastisch zubereiteten Flusskrebsen auf Backkartoffel und einem Fischteller mit 2sortigem Kartoffelsalat. Köstlich!
(Fischerman’s)
…köstlich!

(Flusskrebse, Creme Sour, Backkartoffel & Knoblauchbrot)
Der Anblick der Fähren, die einem geradezu in Augenhöhe am Tisch vorbeifahren ist spektakulär und gespenstisch.

…. aber auch umwerfend schön!!

Der Rückweg wird beschwerlich, der Orkan findet seinen Höhepunkt und ehe wir uns
versehen, sind wir nass bis auf die Haut noch bevor wir heimische Gefilde erblicken.
Den nächsten Tag liegen wir geplättet und lange im Bett, wenden uns auf unserem
Wundbett und verarzten notdürftig unsere Blasen an sämtlichen Fußstellen.
Endlich klart das Wetter auf. Auf meinem Geburtstag gibt es Hamburg. Grandios!
Als Highlight erhalte ich als Geburtstagsgeschenk eine Besichtigung im Meereszentrum auf Fehmarn. Ich freue mich wie eine Schneekönigin.
(Fehmarnsund-Brücke)
Meereszentrum Fehmarn

Da man im Aquarium, verständlicherweise nicht mit Blitzlicht fotografieren darf, entschuldige ich mich für die schlechte Quali der Fotos.

Sandtigerhai

10 Euro Eintritt finden wir happig, weil man in einer Stunde längst alles gesehen hat, allerdings muss ich anmerken, die liebevoll
gestalteten Fischbecken lohnen wirklich. Das Riesenhaifischbecken ist wirklich klasse und ein sehr großer Sandtigerhai ist die Attraktion. Es gibt viele kleine Schwarzspitzenriffhaie, Muränen oder Rochen und für die kleinen Zuschauer eine Menge spielerischer Lernfaktoren über Haie.
Endlich findet sich die Sonne, wir verbringen 2 volle Tage am Strand im Strandkorb.
Zwar ist es immer noch lausig kalt und wir mummeln uns in unsere Jack Wolfskinjacken aber immerhin, sie scheint. Gegen Abend wird es zunehmend wärmer und am nächsten Tag ist es sogar so warm, dass man im Trägertop und kurzen Jeans
im Korb dösen kann. Wir lesen und unser Blick streift hin- und wieder über’s Wasser.

Relaxen im Strandkorb und endlich die warmen Sonnenstrahlen genießen

… noch etwas zögerlich lässt sie sich blicken aber es wird!

Neben uns finden sich diverse Spießerpaare mit ihren Spießerkids ein. Ich krieg die erste Krise als Schrei-Phil sich gleich als erstes an einer harmlosen Muschel den kleinen Zeh stößt und mit einem ohrenbetäubenden Schreikrampf sämtliche Strandkörbe in einem Umkreis von 5 km in Alarmbereitschaft versetzt. Dazu gesellt sich Plärr-Kathi, die schnell herausfindet wie man Schrei-Phil am besten ärgern kann.
Die ruhigen Nachbarkinder im Strandkorb rechts sind ausgestattet mit sämtlichen Plastikschaufeln und Eimern der Welt, die dann von Schrei-Phil und Plärr-Kathi ausgeliehen werden. Ich neige dazu mir vorzustellen, dass ich den beiden Ätzkindern
mit der Plastikschüppe eins überbrate.
..aber es gibt auch ruhige Momente am Strand, deren Bilder sich einprägen und dazu einladen,
die Seele baumeln zu lassen!

Ich lehne mich zurück, klappe mein Buch zu und schließe meine Augen.
Dieser ganze trostlose, verlogene, rumpeltürkische Moralmief einer Dekade fällt endlich von mir ab.
In diesem Sinne…
I’m gonna rain on your parade 
Eure Fade